Samstag, 22. September 2001
Eröffnung der t-u-b-e Saison 2/01
„Krank“
In den vergangenen t-u-b-e Saisons standen mit dem Thema „harte H(ä)ngste“ das Spannungsfeld zwischen Erfolg und Versagen und mit dem Thema „Rituale“ die entsprechenden individuellen Verhaltensreaktionen im Vordergrund. Das Thema „krank“ knüpft weiter ausdifferenzierend an diese Themenreihe an.
Krankheit wird in Bezug auf
einen gesellschaftlich festgelegten Gesundheitszustand definiert.
Überlegungen über
das „krank sein“ sind Überlegungen zu gesellschaftlichen Ist-Zuständen
und über die eigene Kulturgeschichte. Die Krankengeschichte eines
Menschen ist eine Akte über einen individuellen körperlichen
und geistigen Zustand in Bezug auf ein etabliertes Gesundheitssystem. Ein
staatsgebundenes Gesund-heitssystem definiert die Grenze zwischen Gesundheit
und Krankheit, Leben und Tod. Dabei verschiebt sich durch die schulmedizinisch
etablierte bis ins kleinste hin-ein detektierende high-tech Diagnostik
die Balance zwischen diesen Grenzen. Geburt und Tod werden pathologisch,
sie gehören nicht mehr zum Leben, sie gehören der Medizin.
Die Rückwirkungen dieser Entwicklung auf das körperlich-seelische Gleichgewicht eines Individuums sind ungeklärt. Heilsversprechende Alternativen bilden eine ei-gene Subkultur.
Die Thematisierung von „Krankheit“ in künstlerischer Arbeit ist zunehmend zu beobachten. Das dabei verwendete akustische und mediengetragene Material scheint sich zur distanzierten Aufbereitung und Erfahrbarmachung innerer körperlicher und seelischer Vorgänge besonders zu eignen.
Die Themensaison „krank“
wird einige ausgewählte künstlerisch-akustische Arbeiten zu diesem
Komplex vorstellen, wobei - wie in den vorhergehenden Saisons auch - keine
explizite
Illustration des Themas
angefragt wurde. So ist das Publikum hier eingeladen neben dem sinnlichen
Genuss den tiefergehenden Haltungen der Künstlerinnen und Künstler
zu Teilaspekten des Themas in diesen Arbeiten selbst nachzuspüren.
Die Eröffnung der t-u-b-e
Saison 2/01 findet im Rahmen des Musikfestes der Münchner Gesellschaft
für Neue Musik statt. Nähere Informationen hierzu
unter www.mgnm.de
Samstag, 22. September
2001,
19 Uhr
„Selbstbild und Krankheit“
Eröffnungsvortrag von
Flora von Spreti
Malerin und Kunsttherapeutin
Klinik für Psychatrie
und Psychoterapie der Technischen Universität München
19.30 Uhr
Sprechakte X/Treme
Multimedia Performance
von und mit
Michael Lentz (Text), Axel
Kühn (saxes and efx´s), Oliver Hahn (keyboards and programming),
Klaus Sperber (bass), Thomas Simmerl (drums, percussion and efx´s)
Michael Lentz, ausgezeichnet mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis 2001, ist in der neuen deutschen Literaturszene als Autor, Musiker und Interpret von experimentel-len Texten und Lautgedichten bereits eine feste Größe. Seit 1997 arbeiten er und der Münchner Komponist und Saxophonist Axel Kühn zusammen und haben mit der Multimedia Performance Sprechakte X/Treme den Versuch unternommen, mit elektronischer und akustischer Musik, Projektionen und elektronischen Sprachver-fremdungen Texte zu dramatisieren. Dabei geht Kühn bewusst mit sehr populären musikalischen Stilelementen um; seine Bandbreite reicht von Acidjazz und Free Electric Fusion bis hin zu Rock und Trance.
Michael Lentz, geb.1964 in Düren, seit 1987 in München ansässig, Autor, Musiker und Interpret von experimentellen Texten und Lautgedichten, veröffentlichte u.a. NEUE ANAGRAMME (1998), ODER ( Prosa 1998 ), Lautpoesie/musik nach 1945. Eine kritisch dokumentarische Bestandsaufnahme (2000). Preisträger des Inge-borg-Bachmann-Preises 2001
Axel Kühn, geb.12.8.1963
in Darmstadt, Saxofonist und Komponist aus München. In der hiesigen
Jazzszene beheimatet, spielte er u.a. mit Harald Rüschenbaum Big Band,
Al Porcino, SWR Bigband, Thilo Wolf Bigband, Paquito d'Riviera, Frank Foster,
Diane Schuur, Sam Rivers, aber auch auf Tourneen mit Udo Lindenberg, Konstantin
Wecker u.v.m.
Hörspielprogramm
So., 23. und Do., 27.09., jeweils 20.30
„Volle Kraft zurueck!/
Polnyj povorot krugom“
Hörspiel von Andrej
Tarkovskij nach William Faulkner
Musik: Vjatscheslav Ovtschinnikov
Regie: Andrej Tarkovskij
Produktion: Gosteleradio
Moskau 1964
Teil-Synchronisation: U.
Gerhardt, SWF 1995, 115 Minuten
mit einem Nachwort von Aleksandr
Scherel
Auf verzweifelt-übergeschnappte Weise reagiert der 17jaehrige Marineleutnant Hope auf die Todesgefahren, denen er im ersten Weltkrieg bei Torpedo-Einsätzen an der Kanalküste ausgesetzt ist und denen er schließlich erliegt. Durch ihn habe er erst verstanden, was Krieg sei, sagt der amerikanische Flieger-Captain Bogart, der Ich-Erzähler in Tarkovskijs einzigem Hörspiel, das im Moskauer Rundfunk 1964 entstand. - Im Umgang mit Musik und authentischen Geräuschen war das Hörspiel wegweisend für Tarkovskjis Entwicklung. Mit dem Vorwurf des Pazifismus behaftet, verschwand es in den Tresoren der sowjetischen Zensurbürokratie, bis es Alek-sandr Scherel wieder entdeckte.
Andrej Tarkovskij | (1932-86)
wurde von der internationalen Kritik als wichtigster russischer Filmregisseur
nach Eisenstein gefeiert, geriet in zunehmenden Druck der Zensur
und emigrierte 1983 in den Westen. - Neben Filmen wie „Iwans Kindheit“,
„Solaris“, „Stalker“ weitere Drehbücher und Essays.
Mo., 24. und Fr., 28.09, jeweils 20.30
„Friedrich Hölderlin
empfängt niemanden mehr!“
Hörspiel von SAID
Musik: Peter Zwetkoff
Regie: Hans Gerd Krogmann
Produktion: SWR 2001, 60
Minuten
Friedrich Hölderlin, 37 Jahre alt, hat den Turm im Hause der Familie Zimmer in Tübingen bezogen. Er beginnt, seine Besucher Majestät zu nennen oder er nennt sie Eminenz und Geheimrat und bietet ihnen wie einen Imbiss Gedichte an, die er mit "Scardanelli" unterschreibt". Friedrich Hölderlin hat den allmählichen Rückzug aus der Wirklichkeit längst angetreten, der nun noch dreißig Jahre lang bis zu seinem Tod andauern wird. An dieser Schnittstelle seiner Biographie empfängt der Dichter des "Hyperion" einen Gast, dessen Fremdheit die eigene frühe Leidenschaft für das ferne, fremde Griechenland spiegelt. Der Gast, der aus dem imaginierten Land der Poesie und einem früheren Jahrhundert zu kommen scheint, könnte aber ebenso gut aus einem späteren Jahrhundert zu Besuch bei Hölderlin sein.
Said, geboren 1947 in Teheran,
musste bereits als Jugendlicher von siebzehn Jahren Iran verlassen und
lebt seit 1965 in München, z. Zt. Präsident des PEN-Zentrums
der BRD. Zahlreiche Lyrik, Prosaabende und Hörspiele
Di., 25. und Sa., 29.09., jeweils 20.30
„High“
Hörspiel von Dirk Spelsberg
Musik: Hans Platzgumer
Regie: Ulrich Lampen
Produktion: SWR 2001, 60
Minuten
Es ist die Geschichte eines Mannes, der als Sohn eines Waffenschiebers aufwächst, der Faszination des Geldes erliegt und sich wiederfindet in einem Gestrüpp mo-ralischer, familiärer, erotischer und krimineller Irrungen. Und so kulminiert die Geschichte: Brian Jones steht auf dem Balkonsims im 4o. Stockwerk eines Bankgebäu-des. Himmel und Abgrund sind die letzten Koordinaten seines Lebens. Fragmentarisch rauschen Personen und Stationen vorbei: Charles und Philipp, die Brüder und deren Tod und Selbstmord von Brücken; Heaven, die Cousine und Schwester, Freundin, Magierin und Schutzengel zugleich; Clarice, die alternde Geliebte und die dunklen Geschäfte ihres Mannes Leo, der Heaven im Flugzeug abschießen lässt. Auf verschiedenen Ebenen tauchen Motive auf und schaffen ein Netz von Verwei-sungen und Verwebungen der einzelnen Fragmente. Stürze allerorten. Das Ziel liegt im Abgrund.
Dirk Spelsberg, geboren 1954
in Altena/ Westfalen, schrieb Theaterstücke, Prosa, Hörspiele.
Mi., 26. und So. 30.09., jeweils 20.30
„Hochzeitsreise“
Ein Vaudeville von Vladimir
Sorokin
aus dem Russischen von Barbara
Lehmann
Hörspielbearbeitung:
Friederike Roth
Regie: Walter Adler
Produktion: SDR 1996, 78
Minuten
Mascha, eine emigrierte russische Jüdin, Tochter einer hochdekorierten ehemaligen Majorin des NKWD, lernt in Paris Günther von Nebeldorf kennen, den Sohn des ehemals berüchtigten SS-Kommandeurs Fabian von Nebeldorf. Zwischen der leichtlebigen Mascha und dem von Schuldgefühlen zerfressenen Günther entwickelt sich eine seltsame Liebes-, Heils- und Unheilsgeschichte. Sorokin selbst bezeichnet sein Stück als "Pop-Art der Trivialität". Themen wie Naziverbrechen, die Juden-frage und Schuldtraumata treibt er in seinem neuen Stück absichtsvoll ins gleichzeitig kitschig Banale und lächerlich-schaurig Groteske.
Vladimir Sorokin, geboren
1955 in Moskau, lebt in Moskau. Sowohl als Romancier wie als Erzähler
und Dramatiker fand er seit Ende der siebziger Jahre unter den russischen
Untergrundliteraten und seit den achtziger Jahren auch im westlichen Ausland
schnell Anerkennung und Wertschätzung.
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