Als sich in der Neuen Musik der späten siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts eine Tendenz bemerkbar machte, in der die Stille ein wesentliches formgebendes Kriterium wurde, war - nicht ohne resignativen Unterton - von einer "Ästhetik des Verschwindens" die Rede. Heute nehmen sich eine Reihe von Künstlerinnen und Künstlern erneut der Stille an. In ihren Arbeiten, die ebenso einem erweiterten Musikbegriff, wie der Klangkunst zuzurechnen sind, formulieren sie jedoch nicht einen Rückzug, sondern setzen auf die Sprengkraft der Imagination. Ihre "stillen" Werke sind Katalysatoren für Klangwelten, die im Kopf des Rezipienten entstehen sollen. Doch ist auch diese neue Tendenz nicht voraussetzungslos entstanden, sondern hat in der jüngeren Musik- und Kunstgeschichte Referenzpunkte, die in dieser t-u-b-e Saison ebenso vorgestellt werden sollen, wie aktuelle Neuproduktionen.
Freuen Sie sich auf Ungehörtes in der t-u-b-e!

Geboren am 14. März 1930 gilt Dieter Schnebel heute als einer der bedeutendsten Exponenten experimentellen Komponierens in Deutschland. In seinem umfangreichen Oeuvre, das ebenso orchestrale, wie kammermusikalische und intermediale Werke umfaßt, überschritt er immer wieder die Grenzen herkömmlicher Gattungsbegriffe und eröffnete so der Musik des 20. Jahrhunderts Neuland. Kompositionen wie „Glossolalie“ oder die „Maulwerke“ etwa erweiterten das Spektrum vokaler Ausdrucksmöglichkeiten mit bis dato nicht gekannter Radikalität. In seiner Schriftensammlung „Denkbare Musik“ spannte er den Bogen des musikalisch Möglichen über das unmittelbar Hörbare hinaus, weiter, bis ins Utopische, Virtuelle hinein. Der Musikwissenschaftler Hans-Klaus Jungheinrich schrieb: „Alle nur erdenkliche, jedwede vorstellbare Musik; das unbeirrbare Experiment, der Entwurf des Unerhörten, des zwar noch nicht Bedachten, gar Durchdachten, aber Denkbaren.“. Dieter Schnebel, Theologe und Komponist hatte bis 1995 eine eigens für ihn geschaffene Professur für experimentelle Musik und Musikwissenschaft an der Hochschule der Künste (HdK) Berlin inne. Er erhielt zahlreiche Preise und Ehrungen und seine Werke werden weltweit aufgeführt.
In seiner „Nachtmusik für Projektoren und Hörer“ mit dem Titel „ki-no“ (1967), aus der Dieter Schnebel lesen wird, thematisiert er gerade durch den höchst konzentrierten Einsatz sparsamster Mittel zwingend unmittelbar die Grenze zwischen dem Hör- und Sichtbaren. Er stellt unter dem Oberbegriff „Sichtbare Musik“ die Frage nach neuen musiktheatralen Mitteln, bis in die Vorstellungswelt der Zuhörer bzw. Zuschauer hinein, neu.
Die Stuttgarter Künstlerin Mirja Wellmann ist eine professionelle Hörerin.
Für einen Raum, der so groß ist wie die t-u-b-e, benötigt Sie etwa 8 Stunden
für ein komplettes, detailliertes Hörprotokoll. Mirja Wellmann wird ein
solches Protokoll für die t-u-b-e anfertigen. Dieses Protokoll wird dem
Publikum zusammen mit der Ausstellung Ihrer faszinierenden fluoreszierenden
Hörskulpturen an einem Abend präsentiert. Außerdem wird während des Abends
von Wellmann eine Hörperformance dargeboten, bei der Sie direkt alles Gehörte
niederschreibt und über Detailprojektionen darstellt. Rückgekoppelte Hörprozesse
werden initiiert und es können live eindrucksvolle Einblicke in Ihre intensive
Arbeitsweise erlebt werden. So gelingt es Wellmann einen Hörraum zu definieren,
der Hörprozesse neu erfahrbar macht. Nach diesem Abend ist es nicht unwahrscheinlich,
dass in Zukunft eigene akustische Umgebungen etwas anders wahrgenommen
werden!
Mirja Wellmann, 1965 in Berlin geboren, studierte von 1984 bis 88 Grafikdesign in München und arbeitete im Anschluss bis 1996 als Grafikdesignerin in ihrem eigenen Atelier. Von 1997-2002 studierte sie Bildhauerei bei Prof. Werner Pokorny, Prof. Giuseppe Spagnulo und Prof. Micha Ullman an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste, Stuttgart. Sie erhielt Stipendien der Kulturstiftung des Rhein-Neckar-Kreises e.V. sowie der Kunststiftung Baden-Württemberg. Ihre Arbeiten waren in zahlreichen Ausstellungen zu sehen.
1971 in Tokio geboren studierte Miki Yui zunächst an der Tama Art University Tokio, bevor sie ihr Studium an der Kunst- und Medienhochschule in Köln und anschließend an der Kunstakademie Düsseldorf fortsetzte. Sie hatte zahlreiche Ausstellungen in Europa und Japan (u.a. "Resonanzen" Stadtgalerie Saarbrücken 2002; "trace/tracciae/static", Turin 2004; "Klangraum-Raumklang", Köln 2004; "atokata" gelbe MUSIK, Berlin 2004), in denen sie auch ihre Klangarbeiten präsentierte. Seit 1998 arbeitet Yui an den "small sounds" - akustische Umgebungen und Wahrnehmungen, in der immer wieder auch die Grenzen zwischen dem noch und dem nicht mehr Hörbaren ausgelotet werden. So auch in dem Mehrkanalstück "trace. air", in welchem sie Geräusche ihrer Umgebung als Fragmente akustischer Erinnerungen aufbereitet und diese in einer Raumkomposition verwebt, die akustische Landschaften im Kopf des Hörers evozieren.
Die Auseinandersetzung mit Sprache und Textprojektionen spielt im Schaffen
Zellers eine zentrale Rolle. In seiner Werkreihe "Schrift-Laut-Musik"
löst Zeller die Vorfixierung des Geschriebenen auf. Sprechen und Schreiben
werden als unmittelbare Vorgänge in die Aufführung einbezogen, indem er
Texte, bzw. Text/Lautfragmente auf Folien oder Folienbänder schreibt und
diese mit einem Overheadprojektor projiziert. Schrift dient hier nicht
mehr nur als Notation einer Aufführung, sondern wirkt nun selbst autonom
an ihr mit. Sie ist konstitutives Element des Stücks, gleichberechtigt
mit seiner klanglichen Realisierung.
In "Schrift-Laut-Musik" ist das Verhältnis von Stimme und Schrift die Grundkonstellation, die in einigen Versionen aber auch den Rückgriff aufs Klavier erlaubte, bei dem der Akteur nicht nur zu spielen und zu sprechen, sondern auch zu schreiben hat. Nach einer erstmaligen Realisation 1983 in München hat Hans Rudolf Zeller diese Konzept immer weiter entwickelt und in zahlreichen Aufführungen im In-und Ausland realisiert.
Hans Rudolf Zeller, geboren 1934 in Berlin, Komponist und Publizist, studierte Philosophie, Musikwissenschaften und Romanistik in Freiburg und Köln. Seit 1959 veröffentlicht er Artikel, Sendungen, Essays und Übersetzungen, ist Mitarbeiter der Schriftenreihe Musik-Konzepte und Herausgeber, u.a. von Dieter Schnebels "Denkbare Musik" und der "Cage Box".
Brunner / Ritz steht für die Zusammenarbeit des Bildhauers Johannes Brunner
und des Komponisten Raimund Ritz. In den vergangenen Jahren sind Arbeiten
und Projekte in verschiedenen Medien entstanden - neben Videos, Videoinstallationen
und Kurzfilmen auch zahlreiche Musikstücke, Musiktheaterproduktionen und
Klanginstallationen, Ausstellungen sowie Aktionen und Interventionen im
sogenannten öffentlichen Raum. In ihrem neuen Stück "Das Innere"
untersuchen und thematisieren Brunner / Ritz den Aufführungsraum mit dem
darin angeordneten Interieur. Die kompositorische Behandlung der Ausstattung
und die inmitten der Installation sitzenden Zuschauer werden dabei zum
wesentlichen Bestandteil des Stückes.