Wurden in den t-u-b-e-Programmen der vergangenen Saisons immer wieder aktuelle
Strömungen der Klangkunst fokussiert oder durch die Saison-Themen Verbindungen
zwischen verschiedenen Ansätzen hergestellt, so ist diese Saison explizit
dem Unterschiedlichen gewidmet: Einzelpersönlichkeiten und ihren je individuellen
Ausdrucks- und Gestaltungsweisen oder lokalen Gruppierungen und der Ausprägung
ihrer spezifischen Klangsprache. So reicht das Spektrum dieser Saison,
von einer interaktiven Klanginstallation von Gianni Stilletto und Simonex
zu einer zweitägigen Begegnung mit der aktuellen Klangkunstszene Polens,
bis hin zu etwa Phill Niblocks "Drones" - seinen massiven, stationären
Klanggebilden, oder Sam Ashleys von Mystizismus inspirierter Musik. Und
nach dem großen Erfolg des Workshops von Nic Collins (Chicago) über "hardware
hacking" wird es auch in dieser Saison wieder einen Workshop geben.
So wird sein englischer Namensvetter Nic Collins gemeinsam mit Fredrick
Olofsson einen Einblick in die Musiksoftware SuperCollider 3 vermitteln.
Das verbindende Moment dieser Saison ist allenfalls die Unterschiedlichkeit
der präsentierten KünstlerInnen und ihrer Arbeiten: die künstlerische Formulierung
je höchst individueller "Standpunkte". Eine Saison der Begegnung
mit Singulärem, Unerwartetem und Unvorhersehbarem, die damit zugleich ein
vielfarbiges Hörabenteuer verspricht.

Wir erwarten zweierlei: Die Klanginstallation EchoMachine und die darauf basierende Performance Noise Karaoke. Die u.a. auf Bass-Interferenzen basierende audiovisuelle Klanginstallation verarbeitet akustisch und visuell die in ihrer näheren Umgebung geäußerten Artikulationen der Betrachtenden. Die dabei veräußerten Gesten werden über Kameras aufgezeichnet und synchron zum Sound prozessiert. Ein zeitlicher Prozessraum entsteht. Die Performance verwendet die Installation als analoge Erweiterung einer live-elektronisch generierten, fließenden Klanglichkeit und vermittelt experimentierfreudigen Besuchern einen spielerischen Zugang und damit eine Integration in die vorgestellte Soundästhetik.
"Nach anfänglich chaotischem Noise-Intro schälen sich monochrom glatte oder fein pulsierende Soundschichten, die sich - jede ihrer eigenen Gesetzmäßigkeit gehorchend - langsam gegeneinander verschieben. In ihrer Reibung entstehen rhythmische und harmonische Feinstrukturen, eher maschinelle als "musikalische" Raster, die sich - meist kontemplativ ruhig, ästhetisch - auch mal zu brachialem Dröhnen hochschaukeln können." [Text : Donaufestival, Krems 2005]
Simone Krois (Simonex) lehrt an der FH Salzburg Screen-Design, Interaktives Design und Portfolio, betrieb als DJane einen Plattenladen in Augsburg, studierte in Gestaltung in Augsburg und Medienkunst an der KHM Köln und versucht - angeregt durch Ihre interkulturellen Erfahrungen in Indien, USA und Italien - eine naturverbundene Lebensweisen mit zeitgemäßem Arbeiten zu verbinden. Ihre zahlreichen Auftrags- und Netzwerkkunst Projekte sind unter www.simonex.de abrufbar.
Der aus Österreich stammende Gianni Stiletto arbeitete als Theater-, Film- und Livemusiker in verschiedenen Funktionen und Genres und ist gegenwärtig Lehrender an der FH Salzburg für Soundsynthese und Medienkonvergenz. Stiletto ist Gründungsmitglied des bekannten K&K Experimentalstudio ( Leiter Prof. Dieter Kaufmann und Gunda König ). Seine zahlreichen weltweit initierten musikalische und mediale Projekte sowie die künstlerische Zusammenarbeit mit Simonex werden unter www.tonbild.net dokumentiert.
Das Stück erforscht den Zwischenraum zwischen der spirituellen Welt und der irdischen, indem ein System konstruiert wird, in der sich die Art und Weise spiegeln könnte, in der Geister das beeinflussen, was Menschen als Wirklichkeit verstehen. Das Stück ist ein geschlossener Zyklus, wie ein Wasserkreiskreislauf, in dem zunächst kleine elektronische Geräte subtile aber furchterregende Klänge produzieren, die über Zufallsprozesse und Eingriffe in deren Innenleben gesteuert werden, so als würde der "Geist in der Maschine" reagieren. Über eine Reihe von Mikrophonen werden die klanglichen Aktivitäten dann abgegriffen und steuern ein zweites Sound-System, dessen spezifische Klanglichkeit aus dem alltäglichen "irdischen" Leben abgeleitet ist. Der Kreis schließt sich zuletzt, indem Sam Ashley und Gustavo Matamoros auf verschiedenen Instrumenten und den elektronischen Klangerzeugern spielen, um das Wirken der Geister zu beeinflussen.
Sam Ashley hat sein Leben und seine musikalische Arbeit der Erfindung und Entwicklung eines experimentellen Trance-Mystizismus verschrieben. So arbeitet er seit mehr als 30 Jahren mit Trance in der Musik und Bildenden Kunst. Das Spektrum seiner Arbeiten reicht von Solo-Performances über Klanginstallationen, bis hin zu zahlreichen Gemeinschaftsprojekten, in die er stets auch mystische Themen einbringt, die von Glück, Zufall und Halluzination handeln. Er trat sowohl in Solo- wie in Gemeinschaftsprojekten in den USA. Kanada, Europa, Japan, Indonesien und Kuba auf und hatte in mittlerweile acht Opern von Robert Ashley Hauptrollen.
Gustavo Matamoros wurde in Caracas geboren und lebt heute überwiegend in den USA, wo er künstlerischer Leiter des "experimental music festival" Miami und Leiter des "Interdisciplinary Sound Arts Workshop" wurde. Seine intermedialen Arbeiten umfassen unter anderem Solo-Performances Objekte, Klanginstallationen Sound-Videos, und radiophone Arbeiten. Bekannt wurde Gustavo Matamoros vor allem auch mit seiner "Säge"-Band SEE, in denen vor allem mit Handsägen gearbeitet wird. Er arbeitet mit einer Vielzahl nahmhafter Künstler zusammen, wie etwa: Alison Knowles, Fred Lomberg-Holm, Lou Mallozzi, Malcolm Goldstein u.v.a.
Die polnische Experimentalmusik-Szene entwickelt sich seit geraumer Zeit sehr spannend und ihre Protagonisten sind stets auf die Suche nach innovativen Wegen. In den letzten Jahren tauchten einige markante, hingebungsvolle und zielstrebige Persönlichkeiten auf, deren Einfluss auf die Szene unverkennbar ist. Gewöhnlich arbeiten die Musikerinnen und Musiker unabhängig von Institutionen, sehr oft in kleinen Gruppen oder Solo-Unternehmen. Die teilnehmenden Künstler kooperieren seit vielen Jahren in vielen Projekten. Neben ihrer künstlerischen Arbeit engagieren sie sich auch in der Organisation von Konzerten und Festivals (z.B.: ALT+F4, Musica Genera).
Erstmals präsentiert AUX POLE'N in München aktuelle Projekte der polnischen Experimentalmusiker und zeigt dabei verschiedene Strömungen der elektronischen Musik auf. Das Line-up zeigt Laptop Künstler (Wolfram, Sienkiewicz, Staniszewski), Improvisatoren und Noise-Musiker (Zaradny, Schick, Piotrowicz, Krakowiak). Auch der berühmte, in aller Welt für seine Arbeit anerkannte Zbigniew Karkowski ist in das spektakuläre Programm involviert.
AUX POLE'N ist eine Kooperation von Center for New Forms Salvia (www.salvia.pl), Musica Genera (www.musicagenera.net) und Zangi Music (www.zangimusic.de). Weitere Stationen für AUX POLE'N sind Berlin und Köln. AUX POLE'N ist Teil der Reihe ad hoc music (www.adhocmusic.de).
Eintritt: 1 Tag 13 €, 2 Tage 18 €.
Programm (Änderungen vorbehalten)
Freitag, 28.10.05, 20 Uhr
Samstag, 29.10.05, 20 Uhr
Phill Niblock ist eine der zentralen Figuren der New Yorker Avantgarde Szene. Geboren 1933 in Indiana entwickelt er seit den 60er Jahren Musik- und intermediale Projekte, die weltweit präsentiert wurden, u.a. im Museum of Modern Art (New York), dem Paris Autumn Festival, dem Palais des Beaux Arts (Brüssel), dem Institute of Contemporary Art (London), der Akademie der Künste (Berlin) oder dem ZKM (Karlsruhe). Er war Leiter der "Experimental Intermedia Foundation (New York) und ist dort unter anderem als Produzent und Kurator von Musik- und Intermedia Produktionen tätig. Seine musikalischen Werke sind vor allem durch sehr laute, stationäre Klänge ("Drones") gekennzeichnet, in denen eine Vielzahl mikrotonaler und instrumentaler Klangfarben eingebettet sind, die ihrerseits neue Schwingungen und Klänge in dem jeweiligen Aufführungsraum erzeugen. Parallel dazu präsentiert er Videofilme, die Bewegungen von menschlichen Arbeitsprozessen und abstrakte schwarz-weiß Bilder zeigen.
Phill Niblock stellt folgende Werke vor:
Hurdy Hurry (15:21, 1999)
Jim O'Rourke, hurdy gurdy samples
Harm, for cello (22 min, 2003)
Arne Deforce, cello, recorded samples
Lucid Sea (20.24 min, 2003)
Lucia Mense, recorders, recorded samples
Sethwork (21:48, 2003)
Seth Josel, acoustic guitars played with E-bow, recorded samples
Phill Niblock plays a live computer part with several pieces
Images by Phill Niblock
The "Movement of People Working" series, Film/Video - China, Japan
Live Coding ist eine der spannensten Entwicklungen die in der aktuellen Computermusik zu beobachten ist. Hier werden keine fertigen Computerprogramme zur Sounderzeugung bedient, sondern die Algorithmen werden direkt "on the stage" - sozusagen improvisatorisch - programmiert und präsentiert. Dies kann, und das werden wir bei diesem t-u-b-e Abend bei dem Konzert "klipp av" (www.klippav.org) erleben, sogar im Zusammenspiel geschehen. Live Coding sehen wir als die Parallelentwicklung zum Circuit Bending (siehe letzte t-u-b-e Saison), mit gleichen Ansätzen, die aber auf Softwarebasis realisiert werden. Der am Cambridge University Music Department arbeitende Nick Collins (sicklincoln/UK) - nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Nick Collins (USA), der in der letzten t-u-b-e Saison mit seinen Circuit Bending Projekten und seinem Workshop begeisterte - gilt als einer der Erfinder von Live Coding. Er ist Mitglied der Open-Source Entwicklergruppe der legendären SuperCollider Audio-Compilers (Projekt bbcut) und ist weltweit auf Symposien und Konzerten mit seinen wissenschaftlichen und künstlerischen Projekten vertreten.
Den in Berlin lebenden Skandinavier Fredrik Olofsson (www.fredrikolofsson.com) kann man im Wortsinne als Multimediakünstler bezeichnen: Er arbeitet als Klanginstallateur, Performer, Hardwareentwickler sowie Programmierer in Max, Java und SuperCollider. Seine Klangkunst-Projekte werden von Stockholm bis Japan gezeigt. Bei dem Projekt "klipp av" übernimmt Olofsson den visuellen Part, dessen Ziel es ist, in perfekter, unglaublich schneller Synchronisation Video- und Audio-Objekte miteinander zu verschmelzen.
Dass SuperCollider (SC) einer der wichtigsten Compiler- und Programmiersprachen in der Computermusik darstellt, steht außer Frage. Dieses fantastische Open-Source Projekt (download hier) gehört einfach in den "Werkzeugkasten" jedes Computermusikers. Durch den modernen objektorientierten Ansatz können z.B. Klänge oder Klanggruppen wie Objekte gesehen werden, denen bestimmten Eigenschaften zugeschrieben werden. So kann z.B. mit nur ein paar Zeilen Code einem Klang eine physikalische Eigenschaft, wie z.B. das "Herunterfallen" beigebracht werden. Außerdem ist SC eines der Werkzeuge für Live Coding.
Nach dem großen Erfolg des "Circuit Bending" Workshops im letzten Jahr bietet die t-u-b-e nun für einen begrenzten Teilnahmekreis, zusammen mit den Künstlern und SC Programmierer Nick Collins & Fredrik Olofsson einen exquisiten SuperCollider 3 Workshop an. Solche Workshops werden weltweit nur sehr selten angeboten. In nur zwei Tagen wird der Einstieg in diese neue Klang- und Denkwelt vermittelt. Durch das Open-Source Konzept ist es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern auch in weiterer, eigenständiger Arbeit möglich (ohne weitere Kosten), ihre eigenen Projekte auf SC zu realisieren. Einzige Voraussetzung für den Workshop: Ein eigener, relativ moderner Mac-Computer und Freude an computergenerierten Klängen. Die Teilnahme am Workshop ist kostenlos. Der Workshop wird in englischer Sprache gehalten.
Um eine verbindliche Anmeldung bitten wir bis zum 30.10.05. Dazu bitte
eine Mail mit Name & Anschrift an Dr. Jörg Stelkens schicken.