Saisonstart: Donnerstag, 29.10.09, 20 Uhr
München, 07.10.09: Als körperliche Bewegung, die eine symbolische Darstellung
von Stimmungen ist, hat einst der Philosoph Vilém Flusser die Geste beschrieben.
Er nannte die Betrachtung eines Kunstwerks dessen Interpretation als erstarrte
Geste, “die symbolisch etwas darstellt, das anders als die Vernunft ist.”
In der Musik sprechen wir z. B. von spezifischen Gesten der Instrumentalmusik,
die aus den Möglichkeiten des Bewegungsapparates Hand abgeleitet sind und
typische musikalische Muster gebildet haben. Von diesen unterscheiden sich
die Gesten der elektronischen Musik, als einer nicht-manuell geprägten
Musik grundlegend. Damit verwandt ist der Gestus, als allgemeine Form der
Geste, die das Wesen einer Sache und deren Erscheinungsform beschreibt,
wie etwa der Gestus der Spätromantik oder der Gestus der seriellen Musik.
Gestus und Geste, beides ist in der Musik ständig anwesend, umso mehr und
erkennbarer, wenn es um neue musikalische Ausdrucksmittel geht, wie in
der Elektronischen Musik, sei es puristisch oder in der Mixtur mit akustischen
Instrumenten, beim Samling oder gar im Verbund mit digitalen Netzwerken,
lokal oder global. Der Raum, materiell und immateriell, analog und digital
gewinnt hier so an Bedeutung, dass die Fruchtbarmachung des Raumklanges
bereits als Geste bezeichnet werden kann. Dieser Geste wollen wir in der
kommenden Saison mit vier ausgewählten Projekten nachgehen.

Seien es Flugzeuge, Spielekonsolen, Sinustöne oder die menschliche Stimme als Klangmaterial:
Markus Muench dringt ins Innenleben dieser gefundenen Klänge ein, konfrontiert
sich bei seiner Arbeit mit der Mikroskopie eines Klanges oder Geräusches,
unterzieht die akustischen Spurenelemente vielfachen, technisch höchst
raffinierten Transformationsprozessen und setzt so neue Klangwelten frei.
http://www.markusmuench.com


“Das “No-input Mixing Board“, ein Mischpult, dessen Input mit dem Output
verbunden wird, erzeugt Rückkopplungsklänge, die mit Effektgeräten in Echtzeit
bearbeitet werden. Nur auf den ersten Blick konventioneller ist das zweite
Instrument des Abends: Eine E-Gitarre wird durch Präparationen auf neu
hörbar gemacht in einer Musik, in der sich gleichermaßen an Cage geschulter
Umgang mit Stille, wie repetitive Muster aus der Popmusik begegnen.
http://www.geraldfiebig.net/zanderfiebig.html

Der Münchener Komponist, Schlagzeuger und Regisseur Patrick Schimanski performt mit Schlagzeug, Stimme und Elektronik seine neue Hörstückproduktion: Ein Mann liegt wie tot im Zimmer. Nach der Explosion einer Kofferbombe in der U-Bahn hat er wie schlafwandelnd hierher gefunden. Nun versucht er mühsam, sich zu erinnern, wer er war und ist. Sprechend beginnt er, Gedächtnissplitter zusammenzusetzen. Fotos, Musik, Dias, Bücher sollen ihm helfen, sich seiner selbst zu vergewissern. Doch alles, was gelingt, ist eine leise Annäherung. Unsicher tastet er sich an Erinnerungsfetzen und Traumbildern entlang, leidet an Geräuschen: Den Tinnitus im Kopf wird er nicht mehr los. Und als eine Frauenstimme aus Tokio anruft, decken ihre Erinnerungen sich nicht mit den seinen...
Ein Mensch als Summe seiner Erinnerungsfragmente. Der Text stellt beklemmend
die Frage nach der Verlässlichkeit von Identität.
Patrick Schimanski: Performance, Regie, Komposition, Produktion, Mischung und Mastering
Astrid Kohlmeier: Text
http://www.patrick-schimanski.de
http://astrid-kohlmeier.dreipage2.de/
& 
Der Münchener Saxophonist Norbert R. Stammberger stellt sich ungewohnten, musikalischen Konfrontationen zum Spiel und Überspiel: Es sind gewaltige Installationen wie z.B. „Feuersoundmaschine”, “Echos alter Kirchenmauern”, oder “Geräuschhintergründe“ verschiedenster Art. Diesem Konzept folgend wird Stammberger an diesem speziellen t-u-b-e Abend zunächst mit dem französischen Percussionisten Ninh Lê Quan und dann mit zugeschalteten Musikern über das Internet agieren: Über das tubePlug können sich Musiker und Interessierte direkt in das Konzert und in Stammbergers Performance „einklinken“. In der t-ub-e selber können Sie Stammberger und dieses spannenden Live-Ereignis mit verfolgen. Das vom t-u-b-e Team entwickelte tubePlug ist als VST- oder AU-Plugin innerhalb gängiger Sequenzer- oder Musiksoftware (PC oder Mac) nutzbar. Eine einfache Kurzanleitung, ein paar "Zusammenspielregeln" und die zur Teilnahme nötige Freeware werden auf der t-u-b-e Website unter www.t-u-b-e.de/openplug.htm zur Verfügung gestellt.
Norbert Stammberger mit präparierten Saxophonen (München), Ninh Lê Quan, Percussion (Paris)
und openPlug Mitspieler (weltweit).

Foto: Karl
Wallowsky
Der Eintritt zu den Veranstaltungen der t-u-b-e ist frei.
Das aktuelle Programm wird im Internet unter www.t-u-b-e.de und im Fließsatz
der Tagespresse veröffentlicht.
Programmänderungen vorbehalten.