Der Begriff Circuit Bending beschreibt eine neue Bewegung innerhalb der Klangkunst und genießt in den USA bereits Kult-Status. Der Begriff wurde 1992 vom Multimedia-Künstler Quabais Reed Ghazala geprägt, um eine eher intuitive als zielgerichtete Vorgehensweise zur Modifikation elektronischer Klangerzeuger zu beschreiben. Einfache Synthesizer, klingendes Spielzeug oder sonstige elektronische Helferlein, wie z.B. der Taschenübersetzer "Speak&Spell" von Texas Instruments, werden dabei Opfer der manipulierenden künstle-rischen Aktionen. Diese Manipulationen werden entweder vor oder virtuos direkt während der Aufführung vorgenommen. Performances mit Lötkolben am laufenden geöffneten Gerät - angeschlossen an Verstärker wird das klangliche Ergebnis dem Publikum präsentiert. Mit der "Bend 2004" wurde im letzten Jahr in New York das erste Festival und Symposium zum Thema abgehalten. Dabei zeigte sich, dass nicht nur die Suche nach neuen Klängen treibende Motivation der Kunstschaffenden ist: Hier geht es um die Brechung vermute-ter von Industrie und Wirtschaft vorgegebener Handlungs- und Verwendungsmuster durch unabhängige, subversiv handelnde Künstler. Verwendete Ausdrücke wie z.B. "Bending Targets" also "zu beugende Ziele" als Bezeichnung des gerade modifizierten Gerätes veranschaulichen diese kämpferische Haltung.
Im Mai letzten Jahres konnte in der t-u-b-e mit der Formation "Resonanz FM" zur langen Nacht der Musik das klangliche Spektrum solcher Aktionen bereits beeindruckend gezeigt werden. In dieser Saison wird die-se neue, interessante künstlerische Strömung genauer betrachtet und Konzerte sowie Vorträge zum Thema präsentiert.

Entgegen der tradierten Methode im Umgang mit Elektronika, bei der das
Schaltungskonzept als bindend angesehen wird, wird beim Circuit-Bending
aktiv in das Schaltungsdesign eingegriffen, um klanglich interessante "Fehlfunktionen"
abrufbar zu machen. So lassen sich mit verblüffend einfachen Mitteln simple
Geräte in klanglich vielschichtige, individuelle Instrumente verwandeln.
Jenseits dieser Methoden, bereits vorhandene Geräte zu modifizieren, geht
ein kleiner Kreis von kreativen Elektronikern einen Schritt weiter: Es
entstehen neu entwickelte Ansätze und Schaltungskonzepte, die stark von
den selbstreferenziellen Serienprodukten der industriellen Hersteller abweichen
und dabei bereits vom Konzept her vielfältige individuelle Konfigurationsmöglichkeiten
für den Musikschaffenden herausfordern.
In seinem Vortrag wird der Musiker und Toningenieur Joker Nies, Redakteur der Zeitschrift Keyboards und selbst seit Jahren in der Szene aktiv, Historie, Circuit-Bending Grundlagen, Techniken und Geräte in Wort und Bild vorstellen und im anschließenden ein virtuoses Konzert mit seinen eigenen modifizierten Instrumentarien geben.
Joker Nies, geboren 1958 in Dortmund, lebt und arbeitet in Köln als Musiker, Toningenieur und Fachauthor für die Zeitschrift Keyboards. Er begann Anfang der 80er mit analogen Synthesizern zu experimentieren. In den 90ern Arbeit mit digitalen Synthesizern, computergesteuert über die MIDI-Schnittstelle. Dies führte zur Entwicklung von MIDIGEN einer Software zur flexiblen Echtzeit-Steuerung von Synthesizern. Seit Mitte der 90er Beschäftigung mit der technischen Modifikation von Klangerzeugern, wie dem Omnichord welches durch Hautwiderstände direkt auf der Platine gespielt wird, sowie analogen Modular-Synthesizern und DSP-basierten modularen Systemen wie z.B. Kyma-Capybara. Zur Zeit Entwicklung von Software Klangerzeugern mit MAX/MSP.
1996 Gründer des improvisierenden Synthesizer Trios VCO1 mit Thomas Lehn und Konrad Döppert. VCO1 veranstaltet 1997 das erste Festival für improvisierte elektronische Musik in Köln, VCF1.
Seit 1996 Hörspielproduktionen als Mitglied von X-onRouge: klangliche und musikalische Gestaltung der Hörstücke American Dusk (Deutschlandfunk), Talking Exile, Manson Revisited, Battlefiled Eye, Zero Now, Cobain und Civil Landing (WDR1, WDR3) von Edgar Lipki. Weitere Produktionen sind in Arbeit.
Realisation diverser multimedialer Konzepte im In- und Ausland u. a. mit dem Komponisten Hannes Seidl und der Gruppe Realtime Research.
Musikalische Gestaltung der Tanzprojekte Scarred und Just Now von Tamar Stuart-Ewing
Zur Zeit an verschieden Projekten beteiligt, u. a. Yahoos, Voxxx, Realtime Research, Josel/Nies Duo, etc.
Arbeitete mit John Butcher, Ernst Reijsinger, Thomas Lehn, Alan Silva, Paul Hubweber, Alfred Hart, Peter Jaquemyn, Olaf Rupp, Jeffrey Morgan, Dave Tucker, Anna Lindblohm, hans w. Koch, Wollie Kaiser, Saxofon Maffia, Seth Josel und vielen anderen.
Weitere Inforamtionen: www.klangbureau.de, www.realtime-research.net.
Basierend auf freien Vokalimprovisationen arbeitet ADACHI Tomomi in seiner
Performance mit computergesteuertem Echzeit-Signalprocessing und seinem
selbst entwickelten Instrument, bestehend aus Sprungfedern, Schrauben,
Klaviersaiten usw.. Hinzukommt sein neuestes Instrument, ein Hemd, in das
Infrarot-Sensoren eingearbeitet sind. Diese Sensoren sind mit dem Computer
verbunden und die Körperbewegungen, die ADACHI Tomomi während seiner Vokalimprovisation
ausführt steuern Klangtransformationen seiner Stimme.
ADACHI Tomomi, 1972 in Kanazawa/Japan geboren, arbeitet als Komponist und Performer. Im Bereich der Improvisierten Musik spielte er u.a. mit Carl Stone, Erhart Hirt, Butch Morris und OTOMO Yoshihide. Darüberhinaus führte er als Interpret Werke von John Cage und Dieter Schnebel auf. Neben der Stimme kommen bei seinen Auftritten Computer und selbst gebaute Instrumente zum Einsatz. Für seinen "Punk-Chor" "Adachi Tomomi Royal Circus" komponierte er eine Vielzahl von Stücken, die auch auf CD erschienen sind. Seit 2003 setzt er sich intensiv mit computergestützter Fotographie und Video auseinander. ADACHI Tomomi konzertiert in Japan, den USA und Europa, seine Videoarbeiten wurden bei verschiedenen euröpäischen Film- und Videofestivals gezeigt.
"Pea Soup" entstand als Nicolas Collins an der Wesleyan University
bei Alvin Lucier studierte. In seiner Urfassung bestand "Pea Soup"
aus einem sich selbst-stabilisierenden Netzwerk von Schaltkreisen, das
die Tonhöhe einer Rückkopplung jedesmal auf eine andere Tonhöhe verschob,
sobald sich die Rückkopplung aufbaute. Das gewohnte Feedback-Pfeifen wurde
so ersetzt durch instabile Patterns verschiedener Töne, die mit den spezifischen
akustischen Eigenschaften des jeweiligen Aufführungsraumes korrepiondierten.
Da heute einige technische Bestandteile von "Pea Soup" nicht
mehr erhältlich sind, werden seit 2002 einzelne Schlatkreise durch ein
Computerprogramm emuliert.
Der Titel "The Talking Cure" geht zurück auf eine Bemerkung Siegmund Freuds zu einem Patienten, er solle ohne jede Blockade seine Gedanken und Ideen äußern, so wie sie ihm in den Sinn kämen. Dieses Zitat Beschreibt auch Nicolas Collins´ Technik des imorvisierten Sprechens. In "The Talking Cure" folgt ein Computerprogramm dem Klang seiner Stimme und dem Rhythmus der Sprache und generiert eine Begleitung. Gleichzeitig zeichnet der Computer Sprachklänge auf, die im Verlauf des Stückes als Solostimme hinzukommen.
Geboren und aufgewachsen in New York, studierte Nicolas Collins Komposition bei Alvin Lucier und arbeitete mehrere Jahre mit David Tudor zusammen. In den 90er Jahren lebte er überwiegend in Europa und war Visiting Artistic Director der Stiftung STEIM (Amsterdam) und als DAAD Stipendiat in Berlin. 1997 wurde er leitender Herausgeber des Leonardo Music Journal. Derzeit ist Nicolas Collins Vorsitzender des Department of Sound im Art Institute of Chicago. Er arbeitet weltweit mit führenden Solisten und Ensembles zusammen und seine Arbeiten sind auf einer Reihe von CD´s bei PlateLunch, Periplum und Apestaartje erschienen.
In diesem Workshop (maximal 8 Teilnehmer) wird Nicolas Collins, der eine
der zentralen Figuren des "Circuit Bending" ist, die Teilnehmer
mit Grundlagen und Methoden des Circuit Bending vertraut machen und praktisch
umsetzen.
Anmeldung bitte bei Christoph Höfig (tel. 23 32 80 84, e-mail: christoph.hoefig@muenchen.de)
Zur langen Nacht der Musik werden Codes elektronischer Geräte so geknackt, dass deren verborgenen Möglichkeiten freigelegt und kreativ genützt werden können: Eine Erweiterung der vorgegebenen elektronischen Ressourcen. Durch dieses Vorgehen kann z.B. eine Fernsteuerung für ein Modellauto plötzlich Töne von sich geben. Diese Klänge können zudem noch durch verschiedene Faktoren (z. B. durch Bewegung der Fernsteuerung) verändert und geformt werden. Mit anderen Geräten (z.B. Fernsteuerungen für TV-Geräte oder Videorecorder) ist die Erzeugung ganz anderer Klanggebilde möglich.
Norbert Möslang und Erik M spielen seit Jahren in verschiedenen Kombinationen
(u.a. poire_z) zusammen. Erik M, ursprünglich Gitarrist, verwendete anfänglich
Schallplatten als Tonmaterial. Seit drei Jahren benützt er sein selbst
entwickeltes 3K-pad 8 system. Er konzertiert u.a. mit Luc Ferrari, Christian
Marclay, Christian Fennesz. Norbert Möslang war usprünglich Saxophonist,
spielt seit 1984 geknackte Alltagselektronik, war bis 2002 Mitglied von
"Voice Crack", spielte u.a. mit Günter Müller, Otomo Yoshihide,
Florian Hecker.
Weitere Informationen: http://www.erikm.com, http://homepage.hispeed.ch/bots.
Im Anschluß an das Konzert werden die beiden t-u-b-e Kuratoren Ulrich Müller
und Dr. Jörg Stelkens bis 3 Uhr Nachts kommentierte Einblicke in ihre persönlichen
Klangkunstarchive geben (MP3s, DVDs, CDs, Mehrkanalbänder).
Sarah Washington und Knut Aufermann spielen seit 5 Jahren als Duo unter
dem Namen Tonic Train. Ihre improvisierte Musik ist geprägt durch den einzigartigen
Charakter ihrer selbstgebauten elektronischen Instrumente. Plastik-keyboards,
Kinderspielzeuge, Hörgeräte und Kasettenrekorder werden zu analogen Soundmodulen
der unberechenbaren Sorte eingefangen, geloopt und durch live-sampling
prozessiert.
Sarah Washington baut ihre eigenen 'circuit-bents'. Sie ist Mitglied von ReSponge, The Owl Service und des Londoner circuit bending Quintetts P Sing Cho, spielt regelmäßig in England und Europa, zuletzt solo beim Brüsseler Jonctions Festival. Während der letzten 3 Jahre hat sie als Organisatorin und Programmgestalterin beim Londoner Kunstradiosender Resonance104.4fm gearbeitet und hat nun das Europäische Projekt MobileRadio ins Leben gerufen.
Knut Aufermann beschäftigt sich in seinem musikalischen Schaffen seit Jahren mit den Thema 'feedback'. Er hat im Bereich der improvisierten elektronischen Musik mehr als hundert Konzerte in England und Europa gespielt, von Solo-Auftritten bis zum London Improvisers Orchestra. 2004 war er Kurator und Musiker der Feedback:Order from Noise Tour mit Alvin Lucier, Otomo Yoshihide, Nicolas Collins, Toshimaru Nakamura und anderen. Seit 2002 ist er Manager von Resonance104.4fm und Mitbegründer des Projektes
Seit 1996 beschäftigt sich Hans W. Koch mit dem instrumentalen Potential
alter und ausgemusterter Computer auf dem Weg des direkten Angriffes auf
ihr Innenleben. Seit dieser Zeit hat sich diese Arbeit in verschiedene
Richtungen entwickelt, u.a. bis hin zur Einbeziehung von akustischen Instrumenten,
deren Klänge mikrophoniert und durch die Computerplatine geschickt werden.
(landschaft mit computerleichnam, 2001). "computers & sponges"
verbindet diesen Ansatz mit einem Instrument, das er seit 2001 entwickelt
hat. Sein "Interface" besteht aus Metallschwämmen (auch als Topfrasch
bekannt), die mit dem Eingang eines Mikrophonvorverstärkers verbunden sind
und hochsensibel für Berührungen und elektrische Felder ist - Hans W. Koch
nennt dieses Interface einen idealen "Gefährten für Erkundungen auf
der Landschaft einer Computerplatine".
Hans W. Koch, Jahrgang 1962, lebt in Köln als freischaffender (Klang-)Künstler. Neben der Konzeption von offenen Formen für verschiedenste, oft intermediale Besetzungen, liegt ein weiterer Schwerpunkt auf der Entwicklung von (Klang-)Installationen, zum Teil in enger Verbindung mit dem Computer. Auf seiner Suche nach verborgenen Aspekten alltäglicher Geräte entstehen bei derem rechten Missbrauch Klänge und musikalische Strukturen. Seine künstlerische Arbeit führte ihn in zahlreiche Länder Europas, nach Japan und in die USA.