Körperlichkeit als Referenzpunkt für klangliche Vorgänge ist nicht nur im Zusammenhang mit unmittelbar physischen Reflexen auf Musik (wie im Tanz) eine Konstante im Denken über Klang und Musik. Spätestens seit Edgar Varèse, der über seine Kompositionen als "gegeneinander ausbalancierte Klangblöcke" sprach, hat sich dieses Denken nochmals um eine räumliche, architektonische bzw. skulpturale Dimension erweitert. Mit dem Einzug neuer Technologien bzw. Medien und insbesondere der Entwicklung des Internet (als körperlosem, virtuellen Raum) ist der Körper - insbesondere in der Kunst und der Philosophie - Gegenstand intensiver Auseinandersetzung und Infragestellungen geworden: Sprachen die einen gar von der Auflösung des Körpers, behaupteten andere umso mehr seine Relevanz. Da der "Internet-Hype" längst Geschichte ist und die neuen Technologien selbstverständlicher Bestandteil des Alltags geworden sind, wollen wir in dieser Saison im Reflex auf die vergangene, die der Netzmusik gewidmet war, erneut den Körper fokussieren. Dabei sollen verschiedene Spielarten klanglich- musikalischer Reflexionen von Körperlichkeit präsentiert werden, deren Spektrum von skulpturalen Spielformen, über unmittelbare Auseinandersetzungen mit dem menschlichen Körper, bis hin zu körperlicher Vergegenständlichung von Klängen in Raum reicht. Eine Saison also, die gleichermaßen intensive Klangsinnlichkeit, wie vitale performative Präsentationen verspricht.

Seit Anfang der Achtziger Jahre baut Maubrey ortsbezogene Klangskulpturen und
elektroakustische Klangkostüme. Die ersten Audio-Kleider und Audio-Uniformen
waren mit Lautsprechern, Batterien, kleinen Verstärkern und Walkman
ausgestattet. Die Performances fanden zumeist als spontane, oftmals provokante
Aktionen im öffentlichen Raum statt. In den 90er Jahren entstand das
Performanceprojekt Audio Ballerinas mit Tänzerinnen und klingenden Tanzröcken
(Audio Tutus). Durch improvisierte Körperbewegungen und strenge Choreografien
werden die Klänge produziert und verändert.
Als Auftragsarbeit für das Intercommunication Center in Tokio wurde 1997 das
Projekt Audio Geishas entwickelt. Es entstanden elektroakustische Kimonos, bei
denen die elektronische Ausrüstung der Audio Tutus weiter entwickelt wurde. Die
Klänge der Audio Kimonos werden durch extrem lichtempfindliche Sensoren und
Infrarotsensoren beeinflusst und führen wiederum zu einer Erweiterung der
Beziehung zwischen Licht und Bewegung. Mit diesen und anderen Audio Projekten
ist Maubrey international und interdisziplinär im Ausstellungs-, Theater-, und
Musikbereich vertreten. So wurden die Audio Tutus auch als "Kleiderobjekte"
mehrfach ausgestellt (z.B. Museum of Science/London, Stedelijk Museum/
Amsterdam, Musee des Arts et d'Industrie/Saint Etienne).
Benoît Maubrey präsentiert and diesem t-u-b-e Abend eine Werkschau über sein
Schaffen. Danach können drei seiner beeindruckenden Audio Projekte erlebt
werden.

Im Dezember 2000 schlossen sich Echo Ho (*1973, Peking) und Hannes Hoelzl (*1974, Bozen) in Köln zusammen, um gemeinsam an improvisierter elektronischer Musik, Performance und Raum-Klang-Installationen zu arbeiten. Sie nennen sich earweego, akustische Nomaden. Ihr Wappentier ist Weego, die Katze mit den grossen Ohren: Es geht ums Hören. Gegenwärtig erforschen sie Möglichkeiten und Grenzen der Integration visueller Elemente in den frei-improvisatorischen Kontext, wofür sie selbstentwickelte Programme einsetzen, die auf Open-Source-Software wie SuperCollider oder PureData basieren. Ihre Arbeiten wurden u.a. in Deutschland (ZKM/ Karlsruhe, Galerie Haferkamp/ Frischzelle/Koeln, Sprengel Museum Hannover), den Niederlanden (Schiedam Windmill Kaleidophone) und China (Millennium Media Art Festival, Two Collegas/Beijing) praesentiert (www.earweego.net). Das Tabularosa_ Audio Experiment zur Stabilität der Wahrnehmung ist eine räumliche live-Komposition für elektroakustische Instrumente. Eine amorphe Wolke von Sounds im Schwebezustand: "Schwerelos aber mit narrativer Präsenz drängt sie mit ihrer Bewegung durch den Raum und nimmt den Hörer mit auf eine Reise."

Inspiration dieser Arbeit sind die ungewöhnlichen Schlafgewohnheiten von Hannah - der kleinen Tochter von Judiths Freundin Anja - und Wayne Rooney, dem englischen Fußballstar. Beide benötigen zum Einschlafen einen Fön. Weitere Recherchen zu diesem Phänomen führten zu einer überraschenden Erkenntnis: im Mutterleib ist es so laut wie neben einem startenden Airbus 320 in ca. 300 m Entfernung! In ihrer Bakkalaureatsarbeit vom April 2005 an der Universität für Musik und darstellende Kunst Wien kommt Cornelia Huber zu folgenden Werten: "Schätzungen zufolge beträgt die Lautstärke im Mutterleib zwischen 28 und 95 dB, wobei tiefe Frequenzen unter 70 Hz bei 62 dB liegen; mittlere Frequenzen zwischen 70 und 700 Hz bei etwa 27 dB, und höhere Frequenzen ab 700 Hz gar bei nur 10 dB liegen. Herzschlag und Atmung können den Geräuschpegel kurzzeitig um bis zu 25 dB erhöhen (vgl. Bruhn 1993)". Dieses Aussagen bilden den Ausgangspunkt der Klanginstallation und Performance "Schlaflied", in der sich Judith Egger und Stephan Cordes im weitesten Sinn mit Klängen befassen, die Menschen zum Entspannen und Einschlafen veranlassen. Judith Egger (1973*) studierte Kommunikationsdesign in Deutschland und Großbritannien. Sie bewegt sich mit ihren Arbeiten mit Vorliebe in den Grenzbereichen von bildender Kunst, Installation und Performance (www.judithegger.com) und war damit bereits international (u.a. Großbritannien, USA, Italien, Österreich, Portugal) vertreten. Stephan Cordes (1964*), Musiker und Architekt, war Bassist in diversen Independent Bands mit diversen Veröffentlichungen und beschäftigt sich seit 1999 experimentell mit dem Medium Computer als Musikerzeuger und der elektronischen Verarbeitung analoger Daten.

Beginn jeweils um 20 Uhr
23.11.: Jacques Demierre piano - Urs Leimgruber reeds - Barre Philipps bass
24.11.: Marilyn Crispell solo-piano
24.11.: Veryan Weston piano - Karoline Kraabel reeds
25.11.: Fred van Hove piano - Günter Heinz tb, zurna - Lou Grassi drums
25.11.: Frederic Blondy piano - Charlotte Hug violin,viola
26.11.: Soundog
26.11.: Sten Sandell solo piano
Weitere Einzelheiten entnehmen Sie bitte dem gesonderten Programm zu ad hoc
music (www.adhocmusic.de).
ad hoc music ist eine gemeinsame Reihe des Offene Ohren e.V., der t-u-b-e
Klanggalerie, des Jazzclubs Unterfahrt und des Kulturreferates der
Landeshauptstadt München.

Der Kölner Klangkünstler Hubert Steins (1965*) verknüpft mit Hilfe äußerst reduzierter Systeme kinetische Momente mit medienhistorischen und wahrnehmungspsychologischen Aspekten des Hörens. So auch in den beiden in der t-u-b-e präsentierten Installationen Trommelfeld und Schallschalen. Das Trommelfeld besteht aus vier frei im Raum schwebenden Rahmentrommeln, die mit Hilfe von Lautsprechern in Schwingung versetzt werden. Das voluminöse Klanggeschehen kann vom Betrachter beeinflusst werden, indem die von der Decke abgehängten Instrumente wie Schaukeln in Bewegung versetzt werden. Schallenergie und Kinetik verbinden sich auch bei Steins Schallschalen. Die aus zwei Resonanzobjekten bestehende Klang/Videoinstallation präsentiert Bewegungsmuster von Gewürzkörnern, die mit Hilfe niederfrequenter Audiosignale in Schwingung versetzt werden. In beiden Installationen ist der spielerische Eingriff durch den hörenden Betrachter vom Künstler ausdrücklich erwünscht. Steins studierte Germanistik, Kunstgeschichte und Musikwissenschaft in Köln (M. A.) und war seit 1996 freiberuflich als Kulturjournalist für öffentlich-rechtliche Hörfunkanstalten tätig. Seit 1996 übt er einen Lehrauftrag der Kölner Schule für Publizistik (Theorie und Praxis des Hörfunkjournalismus) aus. Seit 1998 arbeite Steins mit raumbezogenen Klanginstallationen: zufallsgesteuerte Soundenvironments, in denen Klänge in vier- bis achtkanaliger Raumverteilung in den Ausstellungsraum zugespielt werden.

Zwei hervorragende Vertreter der spanischen Experimentalmusik treffen in der
t-u-b-e erstmals aufeinander: Agustí Fernández (Mallorca, 1959), Schüler von
Iannis Xenakis, ist Mitglied in Evan Parkers Electro-Acoustic Ensemble und
arbeitet u. a. mit Carles Santos, Butch Morris, Peter Kowald sowie Marilyn
Crispell zusammen. Er erweitert das akustische Klangbild des Pianos durch
gezielte Präparationen. José María Manuel Berenger (Barcelona, 1955),
Komponist, Gitarrist und Multimediakünstler leitet die Initiative En
RedO-Simposio de Música Electroacústica und das Klangarchiv "Sonoscop" des
Orchestra del Caos. Er ist ein Spezialist für elektroakustische Musik und seine
Arbeiten wurden bei vielen Tanz-, Theater- und Videoproduktionen eingesetzt.
Avant Guarda ist ein Projekt des Instituto Cervantes, München in Zusammenarbeit
mit der t-u-b-e Klanggalerie, ad hoc music, der Stiftung Lyrik-Kabinett, dem
Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Institut Ramon Llull,
Barcelona.
Eintritt: 10 ?

Io Casino (Andorra 1973) bezeichnet ihre Arbeit als eine Mischung aus
experimentellem Folk und Improvisation. Sie verwendet dazu ihre Stimme, einen
Elektrobass und einen Computer, mit dem sie Töne in Echtzeit umwandelt. Die
Klang- und Bildpoetin ist eine der herausragenden Figuren der experimentellen
Szene Barcelonas und arbeitet zusammen u.a. mit Francisco López, Kasper
T.Toeplitz, Tibetan Red und Victor Nubla. Seit 1996 ist sie an der Organisation
des Festivals für experimentelle Musik "gracia territori sonor" und LEM
beteiligt. Zu hören war sie u. a. auf der Biennale di Roma, im Centro de Arte
Reina Sofia - Madrid, im ICI - Buenos Aires und im Hamburger Banholf Berlín. In
ihrer eigenen Radiosendung "Oida Selectiva" stellt sie experimentelle und
elektronische Musik vor.
Avant Guarda ist ein Projekt des Instituto Cervantes, München in Zusammenarbeit
mit der t-u-b-e Klanggalerie, ad hoc music, der Stiftung Lyrik-Kabinett, dem
Kulturreferat der Landeshauptstadt München und dem Institut Ramon Llull,
Barcelona.
Eintritt: 10 ?